ÜBER MEINE KUNST 

Im Mittelpunkt meiner Kunst stehen Menschen und ihre Portraits. Mein letztes Projekt „Blicke“ besteht aus mehreren Serien von Portraits. Dabei war es mir wichtig, die Personen „life“ zu malen, also während sie mir Modell sitzen, da die Kommunikation zwischen Modell und mir als Künstlerin während der Entstehung des Bildes entscheidend ist für dessen Lebendigkeit.

In den Serien „Blicke“ geht es um den Gesichtsausdruck, insbesondere um die Macht des Blicks von Mensch zu Mensch. Nichts soll davon ablenken. Um den Eindruck einer Gemeinschaft von mehreren Personen zu erwecken und gleichzeitig die Individualität eines jeden darin hervorzuheben, habe ich die Bilder in Serien von Portraits zusammen gestellt, die alle das gleiche Format haben.

Nachdem ich acht dieser Serien vollendet hatte, wuchs in mir stetig der Wunsch, den menschlichen Ausdruck in seiner Gesamtheit zu erfassen. Seit Anfang 2009 male ich deshalb die Personen mit ihrem ganzen Körper. Auch hier soll die ganze Aufmerksamkeit der gemalten Person gelten, der Hintergrund bleibt deshalb monochrom. Weitere Gegenstände erscheinen nur dann, wenn sie zur gemalten Person gehören oder Teil der Situation sind. 

Meinen Malstil würde ich als eine Mischung aus Naturalismus und Expressionismus beschreiben. In der konkreten Ausführung geht es mir dabei vor allem um das Zusammenspiel von Licht und Schatten, was sich meiner Meinung nach besonders gut in der Technik Öl auf Leinwand verwirklichen lässt. Meine Bilder bereite ich anhand von Kohle- und gegebenenfalls auch Ölskizzen vor. 

Lucien Freud ist mein großes Vorbild: Die Lebendigkeit seiner Portraits lässt mich nicht los und inspiriert mich jeden Tag aufs Neue. Interessant finde ich vor allem seinen „naturalistischen“ Malstil, und wie es ihm gelingt, die Natürlichkeit der Person und des Momentes einzufangen. Die  von ihm gemalten Menschen wirken nie in Pose gesetzt. 

Mein berufliches Ziel bleibt es, weiterhin Menschen zu malen und mich  immer mehr in die Intensivierung des Ausdrucks von Gesicht und Körper zu steigern. 

Da die Malerei zum wichtigsten Teil meines Lebens geworden ist, habe ich 2002 beschlossen, mich ihr voll und ganz zu widmen. Nur so kann ich dem künstlerischen Anspruch gerecht werden, den ich mir selbst gesetzt habe.  

AUS DER SICHT EINES KUNSTHISTORIKERS 

Die Serie Blicke besteht aus lebensgroßen Porträts in horizontaler Anordnung. Alle Bilder entsprechen sich in ihren Maßen. Vor hellem, neutralem Hintergrund sind die Gesichter unbenannter Personen in klassischer dreiviertel oder frontaler Ansicht - seltener im Profi - gezeigt.

Auffallend ist die Konzentration auf den Gesichtsausdruck der Dargestellten als Mittel der Charakterisierung: die Darstellung von Attributen im weitesten Sinn, wie z. B. Kleidung, wird aus den Bildern größtenteils ausgeschlossen. Kopfbedeckungen, Schmuck und andere Accessoires, wie ein Kopfhörer, sind als Teil der Individualität der Dargestellten aufgefaßt.

Durch die stillgestellten Porträtposen erscheinen die einzelnen Köpfe zunächst als herkömmliche Porträts. Affektive Regungen sind in eine allgemeine Bildaussage überführt und werden zum Zeichen eines als einzigartig verstandenen Charakters der jeweils dargestellten Person.
Die Präsenz und Direktheit der Köpfe, die sich bei manchen Bildnissen durch den Blick des Modells aus dem Bild heraus verstärkt, lädt zu einer näheren und konzentrierten Betrachtung ein. Die lockere, unscharfe Malweise abstrahiert Epidermis, Haare und Gesichtsformen und modelliert diese durch tonige und weiß gehöhte Partien. Sie verweist den Betrachter auf eine Distanz zum Bild so dass mehrere Köpfe der Serie in den Blick rücken.

Die Zusammenschau verdeutlicht, dass die Gruppierung der Bilder und deren formale Ähnlichkeit zu einer umso stärkeren Betonung der Individualität jedes einzelnen Kopfes führt. Die mehrfache Darstellung eines Modells (Bsp. Mädchen mit langen dunklen Haaren, Frontal/Profilbildnis) zeigt dabei verschiedene affektive Zustände, der charakteristische Ausdruck des Kopfes verändert sich entsprechend. Die Schilderung der Gesichter ist damit situationsgebunden, sie geht über die eingesetzte Bildform des Porträts hinaus und verweist auf den Entstehungsprozeß der Serie.

Für die Serie "Blicke" porträtierte die Malerin Menschen, die sich zufällig über einen Aushang in einer studentischen Jobvermittlung bei ihr meldeten. Während einer vier- bis fünftägigen Sitzung, die täglich drei bis vier Stunden dauerte, stand die persönliche Annäherung an das Modell im Zentrum ihrer Arbeit: „Gesichter zu malen, ist für mich eine Art und Weise, mit verschiedenen Menschen in Kontakt zu kommen" - das Porträt ist damit ein Mittel, um die Beziehung zweier Menschen zu dokumentieren, in diesem Fall die Begegnung, den Dialog oder die Konfrontation von Malerin und Modell.

Autorin: Caroline Gabbert